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Angesichts des frischen Punk-Sturms,
den die Burschen da entfachen,
wirken sie äußerst glaubwürdig.
Innovation scheint ihnen
ein Fremdwort zu sein, deshalb
sind sie sich selbst ja auch treu geblieben,
eben 100 % Ramones. Alles
andere wäre auch ein (Selbst-)Betrug.
Wüst und ungestüm
poltern die ewig Junggebliebenen
drauf los, haben den Virus einer rebellischen
Jugend in ihren Blutbahnen
gut konserviert.
"Jeder spricht heute von Verhängnis, Düsterkeit und davon, wie gräßlich das Leben ist", konstatiert Joey Ramone. "Kurt Cobain hat sich sein Hirn weggepustet. Ich finde das schade, denn das Leben ist großartig. Die Hindernisse machen dich nur stärker." Im Falle der Ramones dürften sich diese Hindernisse in Form der Chartbreaker von Green Day und Offspring herauskristallisieren, doch bergen die Songs auf "Adios Amigos" genügend Potential in sich, um es mit dem Nachwuchs noch locker aufnehmen zu können. Schlagzeuger Marky Ramone bekennt sich auch heute noch ohne Umschweife zum Punk: "Dies ist definitiv ein Punk-Album. Wir freuen uns, die Punk-Bewegung auf dem Level zu sehen, auf dem sie heute steht." Egal, aus welcher Richtung der Trendwind auch wehte, die Ramones lieferten ihr Ding ab. So waren sie in Acid-Zeiten zwar präsent, aber absolut nicht im Trend und sind es auf einmal in Punk-Revival-Zeiten, ohne es beabsichtigt zu haben. In den 90ern ist der Trend ebenfalls vom Techno-Sound geprägt, doch darum scheren sich die Ramones einen Dreck. "Wir wollten ins Studio gehen und einfach die Songs spielen, ohne Overdubs - so wenig wie möglich", erzählt Johnny Ramone. "Keine kleinen Dinge rein bringen, die nicht die Ramones sind, also keine rinky-dink Gitarren, Keyboards und solche Sachen. Ich wollte, daß jeder Song so klingt, als ob wir einfach rausgehen könnten, um ihn live zu spielen. Ich denke, es ist unser bestes Album seit langem." An dieser Aussage werden sich sicherlich die Geister scheiden, doch haben die Ramones auf "Adios Amigos" alle ihre Qualitäten auf einen Punkt gebracht: Melodien, die im Ohr hängenbleiben, Akkorde, die ohne Umschweife in den Bauch jagen, kurzum: Ramoneske Punk-Gassenhauer mit Gute-Laune-Garantie. Zum Punk-Feeling, das während der Aufnahmen herrschte, meint CJ: "Diese Platte ist nicht so poliert wie die anderen, auf denen ich mitgearbeitet habe. All die Songs wurden live eingespielt, mit Ausnahme der Vocals. Es ging sehr schnell. Wir probten die Songs ein paar Mal, gingen ins Studio rein und nahmen sie auf, um diese nervöse Energie in ihnen beizubehalten." "Ich denke, dieses Album ist definitiv eines unserer besten. Es klingt sehr stark, wie unsere frühen Platten. Es hat dieses frühere Gefühl, very 'now'", zieht Joey sein Resümee. Zu den Songs läßt Joey das kurze Statement "Sie bewegen mich alle" vom Stapel, während Johnny etwas weiter ausholt: "In Gänze gibt es keinen Song, den ich hasse, was eine gute Sache ist. Normalerweise gibt es ein paar. Selbst die langsamen Stücke haben wir, denke ich, richtig gut gemacht. Ich bin glücklich, daß CJ vier Stücke gesungen und zwei Songs geschrieben hat. Ich habe ihn immer gedrängt, daß er eine wichtigere Rolle einnimmt. Er ist gewaltig. Wir haben einen Ersatz gefunden, der mit der gleichen Vitalität wie Dee Dee spielt." Recht hat er, gerade Stücke wie "Makin' Monsters For My Friends" oder "The Crusher", beide von CJ intoniert, bringen neuen Wind in das ansonsten recht starre, auf Wiedererkennbarkeit ausgerichtete Klanggebäude der Ramones und lassen selbst abgestumpfte Ramones-Anhänger aufhorchen. Gerade zu "Makin' Monsters For My Friends" meint Johnny: "Ein großartiger Song. Ich denke, es ist einer der besten auf der ganzen Platte." Diesem Urteil kann ich mich nur anschließen, fräst sich die Melodie doch nervös-vibrierend durch Trommel- und Bauchfell und vollzieht der Song in seiner Gesamtheit einen trefflichen Schulterschluß zwischen Old-School-Punk und Neo-Punk. "Scattergun" ist einer der Songs, die aus der Feder von CJ Ramone stammen. Dazu CJ: "Ich hatte vor den Ramones niemals Songs geschrieben, deshalb dauerte es eine Weile, ich mußte Leute beobachten und Aufmerksamkeit auf das verwenden, was um mich herum vorging, und mußte wirklich wissen, was gut war und was nicht. Zu den 'Mondo Bizarro'-Zeiten haben die Songs, die ich geschrieben habe, wirklich so geklungen, als ob ich zu stark versuche, einen Ramones-Song zu schreiben. Johnny sagte zu mir, 'Verzweifle nicht daran, einen Ramones-Song zu schreiben, schreibe einfach Songs, und wenn du nicht ehrlich bist, werden es die Leute hören.'" Ehrlichkeit siegt, nachzuhören auf "Scattergun". "I Don't Want To Grow Up" stammt im Original von Tom Waits, die Ramones haben es zu einem ordentlichen Tanzflächenfeger aufgemöbelt. "Ich denke, jeder kann sich auf diesen Song beziehen", meint Marky Ramone. "Egal, welches Alter du hast, ob du sechzehn oder sechzig bist, du willst niemals erwachsen werden." Damit trifft er den Kern, denn nichts anderes versucht uns die Werbung mit ihren aufgestylten Spots zu vermitteln. Dabei kann es doch so einfach sein, siehe bzw. höre Ramones. Der Album-Titel "Adios Amigos" läßt eine Menge Spielraum für Assoziationen. Gedanken wie 'Letztes Album', 'Punker-Rente' oder 'Rückzug aufs Altenteil' schießen durch die Hirnwindungen. Durchaus beabsichtigt, wie Johnny Ramone erklärt: "Ich habe über den Titel nachgedacht und fand ihn lustig. Er handelt von dem Thema, wie wir immer sind, von diesem Western oder diesem mexikanischen oder spanischen Zeug. Es war etwas, das jeder verstehen kann, und es läßt etwas Raum. Es vermittelt den Eindruck, daß dies die letzte Platte sein könnte." Joey fährt fort: "Es führt selber zu einer Menge Möglichkeiten. Es ist ein guter Titel, viele Interpretationsmöglichkeiten. Das eindeutigste daran... es ist pretty wild, wenn du darüber nachdenkst, wieviel sich geändert hat seit den Anfängen der Ramones. Und wieviel sich nicht geändert hat und wie sich die Dinge im Kreis drehen." So werden die Ramones weiterhin Platten veröffentlichen, sich zurückziehen und die Leute mit einer weiteren Platte zu überraschen wissen. Die Unendlichkeit des Kreises eben. Oder wie Marky Ramone sagt: "Wir lieben es, zu spielen, wir lieben das Publikum, wir lieben es, Platten zu machen. Und wir werden fortfahren, solange es uns Spaß macht." Am 09. Februar 1994 feierten die Ramones in Tokio übrigens ihre zweitausendste (!!!!) Live-Show, doch noch lange kein Grund, livetechnisch abzudanken. Die Geschichte geht weiter, siehe nachfolgenden Live-Review aus der Bonner Biscuithalle.
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