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from German magazine "Zillo - MusikMagazin" Sept. 1995 / Nr. 9
 
"We just wanted it to be 100 % Ramones" [Joey Ramone]

RAMONES

Es gab Zeiten, da wurde der 21. Geburtstag mit Erwachsensein gleichgesetzt und auch dementsprechend gefeiert. Doch die Zeiten ändern sich. Heute brüllen die Veteranen der Punk-Legende Ramones anläßlich ihres aktuellen Albums "Adios Amigos" und gleichzeitig im 21. Jahr ihres Bestehens mit Vehemenz "I don't want to grow up" ins Mikro. - Ein Bericht zum neuen Album und zum einzigen Deutschland-Konzert in Bonn.

Joey Ramone - Foto: Anja Lubitz Angesichts des frischen Punk-Sturms, den die Burschen da entfachen, wirken sie äußerst glaubwürdig. Innovation scheint ihnen ein Fremdwort zu sein, deshalb sind sie sich selbst ja auch treu geblieben, eben 100 % Ramones. Alles andere wäre auch ein (Selbst-)Betrug. Wüst und ungestüm poltern die ewig Junggebliebenen drauf los, haben den Virus einer rebellischen Jugend in ihren Blutbahnen gut konserviert.
"Jeder spricht heute von Verhängnis, Düsterkeit und davon, wie gräßlich das Leben ist", konstatiert Joey Ramone. "Kurt Cobain hat sich sein Hirn weggepustet. Ich finde das schade, denn das Leben ist großartig. Die Hindernisse machen dich nur stärker."
Im Falle der Ramones dürften sich diese Hindernisse in Form der Chartbreaker von Green Day und Offspring herauskristallisieren, doch bergen die Songs auf "Adios Amigos" genügend Potential in sich, um es mit dem Nachwuchs noch locker aufnehmen zu können. Schlagzeuger Marky Ramone bekennt sich auch heute noch ohne Umschweife zum Punk: "Dies ist definitiv ein Punk-Album. Wir freuen uns, die Punk-Bewegung auf dem Level zu sehen, auf dem sie heute steht."
Egal, aus welcher Richtung der Trendwind auch wehte, die Ramones lieferten ihr Ding ab. So waren sie in Acid-Zeiten zwar präsent, aber absolut nicht im Trend und sind es auf einmal in Punk-Revival-Zeiten, ohne es beabsichtigt zu haben.
In den 90ern ist der Trend ebenfalls vom Techno-Sound geprägt, doch darum scheren sich die Ramones einen Dreck. "Wir wollten ins Studio gehen und einfach die Songs spielen, ohne Overdubs - so wenig wie möglich", erzählt Johnny Ramone. "Keine kleinen Dinge rein bringen, die nicht die Ramones sind, also keine rinky-dink Gitarren, Keyboards und solche Sachen. Ich wollte, daß jeder Song so klingt, als ob wir einfach rausgehen könnten, um ihn live zu spielen. Ich denke, es ist unser bestes Album seit langem."
An dieser Aussage werden sich sicherlich die Geister scheiden, doch haben die Ramones auf "Adios Amigos" alle ihre Qualitäten auf einen Punkt gebracht: Melodien, die im Ohr hängenbleiben, Akkorde, die ohne Umschweife in den Bauch jagen, kurzum: Ramoneske Punk-Gassenhauer mit Gute-Laune-Garantie.
Zum Punk-Feeling, das während der Aufnahmen herrschte, meint CJ: "Diese Platte ist nicht so poliert wie die anderen, auf denen ich mitgearbeitet habe. All die Songs wurden live eingespielt, mit Ausnahme der Vocals. Es ging sehr schnell. Wir probten die Songs ein paar Mal, gingen ins Studio rein und nahmen sie auf, um diese nervöse Energie in ihnen beizubehalten."
"Ich denke, dieses Album ist definitiv eines unserer besten. Es klingt sehr stark, wie unsere frühen Platten. Es hat dieses frühere Gefühl, very 'now'", zieht Joey sein Resümee.
Zu den Songs läßt Joey das kurze Statement "Sie bewegen mich alle" vom Stapel, während Johnny etwas weiter ausholt: "In Gänze gibt es keinen Song, den ich hasse, was eine gute Sache ist. Normalerweise gibt es ein paar. Selbst die langsamen Stücke haben wir, denke ich, richtig gut gemacht. Ich bin glücklich, daß CJ vier Stücke gesungen und zwei Songs geschrieben hat. Ich habe ihn immer gedrängt, daß er eine wichtigere Rolle einnimmt. Er ist gewaltig. Wir haben einen Ersatz gefunden, der mit der gleichen Vitalität wie Dee Dee spielt."
Recht hat er, gerade Stücke wie "Makin' Monsters For My Friends" oder "The Crusher", beide von CJ intoniert, bringen neuen Wind in das ansonsten recht starre, auf Wiedererkennbarkeit ausgerichtete Klanggebäude der Ramones und lassen selbst abgestumpfte Ramones-Anhänger aufhorchen. Gerade zu "Makin' Monsters For My Friends" meint Johnny: "Ein großartiger Song. Ich denke, es ist einer der besten auf der ganzen Platte." Diesem Urteil kann ich mich nur anschließen, fräst sich die Melodie doch nervös-vibrierend durch Trommel- und Bauchfell und vollzieht der Song in seiner Gesamtheit einen trefflichen Schulterschluß zwischen Old-School-Punk und Neo-Punk.
"Scattergun" ist einer der Songs, die aus der Feder von CJ Ramone stammen. Dazu CJ: "Ich hatte vor den Ramones niemals Songs geschrieben, deshalb dauerte es eine Weile, ich mußte Leute beobachten und Aufmerksamkeit auf das verwenden, was um mich herum vorging, und mußte wirklich wissen, was gut war und was nicht. Zu den 'Mondo Bizarro'-Zeiten haben die Songs, die ich geschrieben habe, wirklich so geklungen, als ob ich zu stark versuche, einen Ramones-Song zu schreiben. Johnny sagte zu mir, 'Verzweifle nicht daran, einen Ramones-Song zu schreiben, schreibe einfach Songs, und wenn du nicht ehrlich bist, werden es die Leute hören.'"
Ehrlichkeit siegt, nachzuhören auf "Scattergun".
"I Don't Want To Grow Up" stammt im Original von Tom Waits, die Ramones haben es zu einem ordentlichen Tanzflächenfeger aufgemöbelt. "Ich denke, jeder kann sich auf diesen Song beziehen", meint Marky Ramone. "Egal, welches Alter du hast, ob du sechzehn oder sechzig bist, du willst niemals erwachsen werden." Damit trifft er den Kern, denn nichts anderes versucht uns die Werbung mit ihren aufgestylten Spots zu vermitteln. Dabei kann es doch so einfach sein, siehe bzw. höre Ramones.
Der Album-Titel "Adios Amigos" läßt eine Menge Spielraum für Assoziationen. Gedanken wie 'Letztes Album', 'Punker-Rente' oder 'Rückzug aufs Altenteil' schießen durch die Hirnwindungen. Durchaus beabsichtigt, wie Johnny Ramone erklärt: "Ich habe über den Titel nachgedacht und fand ihn lustig. Er handelt von dem Thema, wie wir immer sind, von diesem Western oder diesem mexikanischen oder spanischen Zeug. Es war etwas, das jeder verstehen kann, und es läßt etwas Raum. Es vermittelt den Eindruck, daß dies die letzte Platte sein könnte."
Joey fährt fort: "Es führt selber zu einer Menge Möglichkeiten. Es ist ein guter Titel, viele Interpretationsmöglichkeiten. Das eindeutigste daran... es ist pretty wild, wenn du darüber nachdenkst, wieviel sich geändert hat seit den Anfängen der Ramones. Und wieviel sich nicht geändert hat und wie sich die Dinge im Kreis drehen."
So werden die Ramones weiterhin Platten veröffentlichen, sich zurückziehen und die Leute mit einer weiteren Platte zu überraschen wissen. Die Unendlichkeit des Kreises eben. Oder wie Marky Ramone sagt: "Wir lieben es, zu spielen, wir lieben das Publikum, wir lieben es, Platten zu machen. Und wir werden fortfahren, solange es uns Spaß macht."
Am 09. Februar 1994 feierten die Ramones in Tokio übrigens ihre zweitausendste (!!!!) Live-Show, doch noch lange kein Grund, livetechnisch abzudanken. Die Geschichte geht weiter, siehe nachfolgenden Live-Review aus der Bonner Biscuithalle.


Live

Die Ramones sagen auf ihrem x-ten und aktuellen Album "Adios Amigos", und die Fans ließen sich nicht lumpen, den (fragwürdigen) Abschied gebührend zu feiern. Bei strahlendem Sonnenschein und drückender Hitze fanden sich im Zeitalter der Green-Day- und Offspring-Punk-Ära noch genügend Ramones-Anhänger ein, um mit den Punk-"Opa's" noch mal eine wilde Party anläßlich ihres einzigen Deutschlandkonzerts vom Stapel zu lassen. Die Bonner Biscuithalle war natürlich ausverkauft, und eine illustre Schar aus Punk-Veteranen, Neo-Punks, Normalos etc. drängelte sich in der feuchtschwülen Enge Körper an Körper. Enthusiastische "Hi Ho, Let's Go!"-Rufe erwiesen den Ramones vor Konzertbeginn schon mal ihre Reminiszenz.
Schließlich ging die Nebelmaschine an, und die Ramones standen auf der Bühne, als wären nie 21 Jahre ins Land gezogen. Haare, die jedem Wischmob zur Ehre gereichen würden, zerrissene Jeans und natürlich: die obligatorische enge Lederjacke; getreu dem Motto "Scheiß auf die Hitze, Image bleibt Image". Doch nach dem ersten Stück in der Sauna Biscuithalle flog die Lederjacke weg, nur Joey harrte noch zwei weitere Stücke aus.
Ein prägnantes "One, two, three, four" ins Mikro gerotzt, und der Punk-Sturm wütete los. Die Begeisterung wogte bis in die letzte Reihe, Punk-Virus erfolgreich injiziert. Joey Ramone agierte erneut als stoischer Bandleader, stolz aufrechtstehend, mit der linken Hand das Mikro umgreifend, die rechte Hand hing herab oder dirigierte das Auditorium, unverkennbar erklang sein Timbre. Auch der Rest der Band wies keine Spur von Senilität auf. Mit der perfekten Routine einer gut geölten Maschinerie jagte ein Akkord den anderen, folgte Beat auf Beat. Doch von routinierter Langweile keine Spur, sportiv wurde das noch Dichte Haupthaar im Rhythmus geschwungen.
Das Tracklisting erwies sich als ein tiefer Griff in die Repertoirekiste. Natürlich wurden die Punk-Raketen des aktuellen Albums "Adios Amigos" gezündet, aber auch altbewährte Ramones-Klassiker kamen zu Gehör. Keine Frage, Songs wie "Blitzkrieg Bop" oder "Pet Sematary" verfehlten auch 1995 nicht ihre pogokompatible Wirkung. Die schwitzende Masse Mensch erwies sich als stetiger Strudel, der das Fleisch aufwühlte, durch den Pulk schleuderte und am Ende des Saales hinausspie, um ihn sich nach einer kurzen Erholungspause erneut einzuverleiben.
Schließlich entließen die Ramones ihre Fans in die wesentlich kühlere Bonner Nachtluft. Außer Frage, daß die kurz vor der Punker-Rente stehenden Ramones noch einmal ihr Bestes gegeben haben. Auch wenn mal wieder ein Song wie der andere klang, aber Ramones sind eben Ramones sind eben Ramones... and they will ever do!

Frank Rummeleit