Ivo's Ramones Sector

Ivo's RAMONES Press Center

from German magazine "Zillo - MusikMagazin" Mai 1994 / Nr. 5
 
Dee Dee Ramone
Der wahre Ramone
Tegelen, ein kleines, verträumtes Städtchen nahe der deutsch-holländischen Grenze. Verdutzt stehe ich vor einem Ladenlokal, dessen Fenster mit Zeitungspapier verklebt sind. Ausgerechnet hier soll Dee Dee Ramone sein erstes Solo-Album aufnehmen? Tatsächlich verbirgt sich an diesem Ort ein Studio. Marc, der freundliche Studiobesitzer, inzwischen zum Manager des Punk-Gurus befördert, erklärt mir, daß Dee Dee sich in Venlo britische Tageszeitungen besorgt, und die anderen Bandmitglieder nach einer langen Partynacht noch im Bett liegen. Typisch Rock'n'Roll eben!
Dee Dee Ramone Schließlich betritt der ehemalige Ramones-Bassist die ungemütliche Küche, in der ich auf ihn gewartet habe, und begrüßt den studioeigenen Vierbeiner mit einem lauten, in perfektem Deutsch formulierten "Hallo, Katze!". Dann braut er sich ein undefinierbares Gesöff, das sich später als Tee herauskristallisieren soll.
Wie kommt ein bekannter amerikanischer Musiker auf die Idee, in den Niederlanden eine Platte aufzunehmen?
"Ich habe beschlossen, hier in Holland oder eventuell auch in Berlin zu wohnen, weil man sich in den Staaten seines Lebens nicht mehr sicher sein kann. Ich bin Musiker und kein Gangster. Momentan laufen in New York unzählige Menschen mit Pistolen herum, es wird laufend schlimmer. Zunächst habe ich sechs Wochen in England gelebt, aber das war auch nicht ideal. Deutschland steht mir sehr nahe, weil meine Mutter Deutsche ist und mein Vater in Berlin bei der Armee stationiert war. Deshalb lebte ich bis zu meinem 16. Lebensjahr dort, kenne dieses Land also genau. Mein neuer Agent kommt aus Holland, meine Plattenfirma ist deutsch. Also habe ich mich entschieden, in diesem Raum vorerst zu bleiben."
Glücklicherweise erweist sich Dee Dee, der gemeinhin immer als scheu und zurückhaltend galt, als äußerst gesprächsfreudiger und interessanter Gesprächspartner. Auch über seine ehemalige Band gibt der Mann mit den exotischen, asiatischen Gesichtszügen bereitwillig Auskunft, wobei eine richtige Haßliebe zu seinen früheren Mitarbeitern augenfällig wird.
"Ich glaube nicht, daß die Ramones noch lange zusammensein werden. Ursprünglich sollte 'Acid Eaters' ja nur als EP erscheinen: später machten sie eine ganze Platte daraus. Denen gehen einfach die Ideen aus. Dies war der Hauptgrund unserer Trennung. Ich hatte die destruktive Arbeitsweise total satt. Außerdem gibt es ständig Reibereien innerhalb der Band, unter denen die Qualität der Arbeit sehr leidet. Die Jungs sind ausgebrannt, bräuchten eigentlich dringend eine Erholungspause. Ich habe die Verrücktheit von Joey, Johnny und Marky jedenfalls satt und bin froh, meinen eigenen Lebensrhythmus gefunden zu haben".
Besonders geärgert hat sich Dee Dee, der eigentlich Douglas Colvin heißt, über diverse negative Aussagen seiner Ex-Kollegen.
"Ich weiß nicht, warum sie dauernd schlechte Dinge über mich erzählen. Die Ramones sollten sich lieber mal an ihre eigene Nase packen und über ihre Fehler nachdenken. Ich habe ihnen jedenfalls nichts getan und bin keine Bedrohung für sie. Trotzdem werden beispielsweise im Ramones-Buch blöde Sachen über mich verbreitet. Ich habe immer versucht, hilfreich zu sein. Aber letztendlich muß von Johnny und den anderen auch mal ein Zeichen kommen. Ansonsten tut es mir leid!"
Ich berichte Dee Dee von einem Gespräch mit C. Jay, der mir von seinem Vorgänger vorschwärmte und ihn als absolutes Vorbild vergöttere.
"C. Jay ist ein lieber Junge, der von den anderen Bandmitgliedern absolut schlecht behandelt wird. Was hat er ihnen denn getan? Baby ist ein lieber Junge, der sehr gut Baß spielen kann und äußerst hart arbeitet. Aber so sind die Ramones: Aggressive Menschen, die nichts fröhlich machen kann!"
Dee Dee erzählt, daß er den ehemaligen Mitstreitern seine neuen Songs angeboten hat, was diese ablehnten, und daß Joey eine Solo-Platte aufnehmen will. Wobei wir endlich bei den Früchten seiner Arbeit angelangt sind. Natürlich möchte ich Näheres über das erste Dee-Dee-Ramone-Album erfahren.
"Die EP klingt genau wie alte Ramones-Stücke, während die LP puren Punkrock bietet, der ein wenig an das 'Too-Tough-To-Die'-Album erinnert. Wir bezeichnen unsere Musik als 'Creep-Rock'. Ich spiele hauptsächlich Gitarre; mein Stil erinnert ein bißchen an Keith Richards oder Chuck Berry. Ich liebe es, meine Gitarre in einen lauten Verstärker einzustöpseln und einfach altmodisch loszuspielen. Das Material ist durchgehend neu, d.h., im letzten Jahr geschrieben. Mein Co-Autor war wiederum Daniel Rey, mit dem ich auch schon viele Ramones-Hits wie z.B. Pet Sematary geschrieben habe. Auf zwei Songs wird übrigens auch Nina Hagen mitwirken. Wenn du willst, können wir uns das Demo-Tape anhören."
Was für eine Frage! Wir wechseln den Ort und gehen in einen Raum mit Sofa, TV und einer alten Orgel, der als Wohnzimmer genutzt wird. Auf dem Tisch liegen einige Porno-Hefte und Oldie-Kassetten von Chuck Berry und Co. Typisch...
Dee Dee legt die Kassette in einen antiken Recorder, und dann höre ich genau das, was man gemeinhin von einem Ramone erwartet: Melodiöser, geradliniger Punkrock - quadratisch, praktisch, gut! Danach komme ich in den Genuß, als erster Außenstehender die beiden fertigen Aufnahmen der Songs "Chinese Bitch" und "I Hate Creeps Like You" an mein Gehör zu lassen. Phantastisch und sehr empfehlenswert!
Auf dem Heimweg auf der Autobahn wird mir deutlich klar: Trotz Joey, Johnny und Marky - Dee Dee ist der wahre Ramone!
Thomas Vigano