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from German magazine "Zillo - MusikMagazin" November 1992 / Nr. 11
 
The Ramones
The Ramones Nach 16 Jahren in der Musikszene sind die Ramones noch immer so roh, ungehobelt und wenig gesellschaftsfähig wie an dem Tag, an dem sie 1976 aus Forest Hills, Queens, an die Öffentlichkeit stürmten.
Die Band ist kaum von der Punkformel "Laut & schnell gewinnt" abgewichen. Ihr neues Album "Mondo Bizarro" enthält keinerlei Überraschungen - es ist ein typisches Ramones-Album, aber die Bandmitglieder scheinen wiedererstarkt, und sie haben einige ihrer besten Songs seit "Bonzo Goes To Bitburg" von 1985 geschrieben.
Die Veteranen Joey (Gesang), Gitarrist Johnny und Schlagzeuger Marky Ramone werden dieser Tage auf der Bühne durch den Bassisten C.J. komplettiert, der Ramones' jüngstes Mitglied. Dee Dee schreibt noch immer Songs für die Gruppe, tritt aber nicht mehr live auf.
Die Ramones haben Sire verlassen, das Label, das sie während ihrer ganzen bisherigen Karriere begleitete, und beim aufstrebenden Indielabel Radioactive Records unterschrieben. Für "Mondo Bizarro" verpflichteten sie wieder den Produzentenveteranen Ed Stasium, der auch bei den Klassikern "Road To Ruin" (1978) und "Too Tough To Die" (l985) am Ruder stand.
Während die Band ihre unendliche Welttour fortsetzt, gesellen sich neue Zwei-Minuten-Hymnen wie "The Job That Ate My Brain" und "Anxiety" zu klassischen Songs wie "Now I Wanna Sniff Some Glue" und "Pinhead", die die Gruppe schon Tausende von Malen gespielt hat. In mancher Hinsicht sind die Ramones die Band, die die Zeit vergessen hat.

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C.J. Ramone Zillo: "Mondo Bizarro" ist das erste Album seit 16 Jahren, das nicht auf Sire Records erschienen ist. Was ist mit dem Label passiert?
Joey: Unser Vertrag war gerade abgelaufen, auch wenn sie uns gerne behalten wollten. Wir sind eine hungrige Band, die hart arbeitet, und wir erwarten von unserem Label, daß es genauso hart arbeitet und uns unterstützt. Damals, als sie uns unter Vertrag nahmen, signten sie auch Bands wie z.B. die Talking Heads, Richard Hell and The Voidoids oder Sham 69, und sie gaben auch etwas obskureren Bands wie Plastic Bertrand eine Chance. Am Anfang war Sire eine großartige Firma, aber sie hat sich verändert. Ihre größten Bands klingen jetzt wie Depeche Mode oder Erasure, diese alternativere Synthesizer-Geschichte, und natürlich hält Madonna den Laden am Leben. Das Problem mit Sire ist, daß sie all die führenden Künstler unter Vertrag nehmen, all die musikalischen Vorreiter, und sie dann mißachten, weil sie soviele Künstler haben, daß sie nicht für jeden Zeit aufbringen können. Wir wollten gern bei einer frischen Firma sein. Ich bin begeistert von Radioactive, weil sie in vielerlei Hinsicht das tun, was Sire früher getan hat, abgesehen davon, daß sie nicht alle Welt unter Vertrag nehmen, und sie sind eine hungrige Firma, weil sie etwas beweisen müssen, denn sie sind eine neue Firma. Ich fühle, daß sie genauso hungrig sind wie wir als Band.
Zillo: Ich sprach mit den Buzzcocks nach ihrer Reunion, und sie hatten eine Menge Streß, ein amerikanisches Label zu finden, das daran interessiert war, ihr neues Material zu veröffentlichen. War das für die Ramones ein Problem?
Joey: Nein. Die Ramones sind verantwortlich dafür, die Welt und vieles andere verändert zu haben, musikalisch gesehen. Wir haben ein sehr hohes Ansehen bei den Leuten. Und für mich ist das neue Album das beste, das wir je gemacht haben. Es ist ein echter Wendepunkt. Es beinhaltet manches von den alten Sachen, wie meinetwegen "Road To Ruin", aber auch viel mehr. Es ist eine wirklich starke, explosive Platte, sie ist aktueller als sonst, sehr bunt und voller Leidenschaft.
Zillo: Was ist mit Dee Dee los? Er schreibt Songs für die Band, tritt aber nicht mehr live auf.
Marky: Er hat drei Songs geschrieben. Dee Dee konnte einfach nicht mehr touren, und es war gut, daß er ging, weil er zum Problem wurde. Er kam einfach mit dem Tempo nicht mehr klar. Vielleicht kam es daher, daß er seine Karriere als Rap-Künstler fortsetzen wollte, diese Dee-Dee-King-Geschichte, die er gemacht hat. Für mich persönlich ist Rap schon ein bißchen ausgereizt, ich denke, es ist gemacht worden, und das auch sehr gut, und ich sehe nicht, was er dem noch groß hinzufügen könnte. Für mich ist Dee Dee ein Ramone, er ist kein Ice-T oder Hammer. Wir mögen Dee Dee sehr gerne, tatsächlich war Dee Dee wahrscheinlich mein bester Freund in der Band. Als ich Richard Hell & The Voidoids verließ, schlug er vor, daß ich mit den Ramones spielen sollte, und ich habe es sehr bedauert, daß er ausstieg. Aber er will jetzt nur noch schreiben. Er ist immer noch Teil der Ramones, du siehst ihn nur nicht mehr auf der Bühne, das ist alles.
Zillo: Der Rest der Band scheint wiedererstarkt, und dieses Album ist das aufregendste der Ramones seit Jahren. Kommt das nur durch das neue Label, oder ist da noch etwas?
Joey: Mein Leben hat sich in den letzten zwei Jahren sehr verändert. Ich bin jetzt clean und fühle mich nicht mehr blockiert, sondern sehr kreativ, das Leben macht mir viel mehr Spaß. Ich habe auch neue Freunde und interessiere mich mehr für Politik und solche Dinge, anstatt immer die gleichen langweiligen Songs über Drogen und dies und das zu schreiben. Jetzt sind mir solche Dinge wie "Censorshit" wichtig, und die Songs, die ich geschrieben habe, sind abwechslungsreicher geworden. Und der Umstand, zum ersten Mal seit sechs Jahren mit Ed Stasium zu arbeiten, war wie eine Wiedervereinigung. Er ging an das ganze Projekt mit der Einstellung heran, das ultimative Ramones-Album aufzunehmen, und so etwas zu hören, ist großartig.
Marky: Alles, was ich dazu sagen kann, ist, daß es großartig ist. Nachdem Ed Stasium es produziert hatte, sagte ich, daß es ein wirklich, wirklich gutes Ramones-Album ist. Und Ed hatte da viel zu beigetragen, weil er ein großartiger Produzent ist. Wir hätten die ganzen Jahre mit ihm statt mit den anderen arbeiten sollen, es ist erstaunlich, wie gut es geworden ist.
'Ich tu es aus dem Herzen und aus der Seele - das bin ich, und das ist wirklich, wie ich lebe.' (Joey) Joey: Für mich ist dies das Album, das ich immer machen wollte, aber das ich für mein Gefühl nie erreicht hatte. Ich bin stolz auf alles, das ich gemacht habe, aber mit diesem Album bin ich total zufrieden, es gibt nichts, das ich lieber anders gemacht hätte. Und die Zeit ist richtig für dieses Album, denn die Ramones sind gewissermaßen explodiert in der letzten Zeit, wir haben in den letzten drei Jahren mehr gearbeitet als vorher, weil auch der Bedarf größer geworden ist. So, wie die Musikszene gerade ist, mit dem Seattle-Ding und so, wird es total anerkannt, daß die Ramones das im Grunde alles gestartet haben.
Zillo: Aber ist da nicht ein Hauch Nostalgie in der Band, wenn ihr auf die Bühne geht, um "Cretin Hop" zum zehntausendsten Mal zu spielen? Lebt ihr Jungs nicht in der Vergangenheit?
Marky: Keiner der Songs wird langweilig für uns, weil sie immer noch aufregend zu spielen sind, weil wir noch immer unseren Spaß dabei haben. Wir sind keine Band, die sagt "Oh, jetzt kommt der Song schon wieder". Nein, wir mögen immer, was wir spielen, und vom neuen Album werden wir den Doors-Song ("Take It As It Comes") live bringen, "The Job That Ate My Brain", den ich geschrieben habe, "Anxiety", auch von mir, "Poison Heart", von Dee Dee geschrieben, und "Censorshit" von Joey.
Aber die alten Sachen werden uns nie über, wenn ein Song gut ist, spielen wir ihn. Wenn ich jemals die Beatles ihre früheren Sachen spielen gehört hätte, hätte mir das genauso gefallen wie Sachen von den anderen Alben, "Abbey Road" war großartig. Es hängt vom Einzelnen ab, welche Ära man von einer Band mag.
Joey: Da ist keine Nostalgie. Jeder Song, den ich spiele, kommt so frisch wie beim ersten Mal, das war schon immer so. Vielleicht ist es jetzt sogar noch ein bißchen mehr so, weil ich mich als Sänger ständig weiterentwickle, und ich denke, daß ich auf dieser Platte meinen bisher besten Gesang abgeliefert habe. Ich bin echt begeistert von dem, was ich tue, andernfalls hätte ich wohl schon lange damit aufgehört. Wenn es nicht frisch und echt ist, wozu es dann machen?
Zillo: Das kann man über Johnny Lydon und PIL oder Mick Jones und BAD II ja nicht sagen.
Joey: Die meisten Leute, denke ich, tun's wegen des Geldes. Das ist ihr Anreiz. Ich tu es aus dem Herzen, aus dem Bauch raus und aus der Seele, das bin ich, und das ist wirklich, wie ich lebe.
Zillo: Als die Ramones Mitte der 70er anfingen, gab es diese Einstellung "Zur Hölle mit dem Musik-Business, zur Hölle mit Fleetwood Mac und Pink Floyd". Hättest du dir 1976 träumen lassen, daß du 1992 noch immer dabei wärst?
Joey: Nun mal schön der Reihe nach. Ich mache Musik, seit ich 13 bin, und ich wußte immer, daß das mein Ding war. Ich fühle mich als Künstler und Songwriter, und wenn sich die Ramones morgen auflösen würden, würde ich trotzdem weitermachen. Ich habe niemals drüber nachgedacht, ich weiß einfach, daß dies mein Platz ist. Man fragt sich nicht "Werde ich in 18 Jahren noch hier sein?", niemand fragt so etwas. Ich bin sicher, daß Fleetwood Mac nicht gewußt haben, daß sie auch heute noch dabei sind. Du denkst über so etwas nicht nach, weil es zu viel zu tun gibt. Dinge passieren nicht einfach, du mußt dafür sorgen, daß sie passieren. Nimm uns, wir erobern immer neue Gebiete.
Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus stehen die Länder des Ostblocks offen, es gibt so viel mehr Orte, in die man gehen und an denen man spielen kann. Die Menschen wurden jahrelang unterdrückt. Aber es gab immer eine Verbindung im Underground, die Leute wissen, was abgeht. Wir haben in Jugoslawien kurz vor der Revolution gespielt - wir sind dafür verantwortlich, und es war erstaunlich. Wir bekamen tonnenweise Presse, und man denkt "Was wissen diese Leute schon?" Aber sie wußten mehr über uns als meinetwegen die englische Presse, sie wußten jedes Detail über uns und unsere Karriere. Und dabei denkt man, daß Jugoslawien so weit entfernt ist, es war schon irre. Als wir hinkamen, merkten wir, daß wir, Paul McCartney und David Bowie die größten Acts in Jugoslawien sind, und wir spielten ausverkaufte Shows vor 10.000 Leuten am Abend. Es war richtig aufregend. Sie mögen die originalen Leute, Leute, die Urheber und ursprünglich sind. Ich glaube, mehr als je zuvor wollen die Leute heutzutage die Begründer des Genres hören.
Text: Jim DeRogatis/Source
Fotos: Dietrich Dettmann