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from German magazine "MetalStar" 2/3 März 92
 
RAMONES
Do The Locomotion

Dee Dee, Marky, Johnny, Joey Die Könige der drei Akkorde sind zurück in Deutschland, um zwei Auftritte zu spielen, die die Veröffentlichung ihres neuen Live-Albums "Loco Live" public machen und den Fans überhaupt klarmachen sollen, daß die vier "Brüder" noch am Leben sind, zu allem bereit, was sie in den mittlerweile 17 Jahren Bandgeschichte zum Aushängeschild des Punkrocks amerikanischer Art gemacht hat.

"Wir gründeten uns damals, weil wir einfach der Meinung waren, daß der Rock'n'Roll der damaligen Zeit ein jämmerliches Bild bot", legt Gitarrist Johnny gleich am Anfang meines Gesprächs mit ihm und Drummer Marky los. "Gerade jetzt wieder ist es mehr als wichtig, daß es uns gibt. Schau dich um - was ist die sogenannte zeitgenössische Musik? Von morgens bis abends hören die Leute Rap und ähnlichen Schund. Viele Kids wissen gar nicht, daß es auch andere Sachen gab und immer noch gibt. Sie glauben Rockmusik sei dieses belanglose Genudel, was Bands wie Poison produzieren. Richtige und ehrliche Rock'n'Roller gibt es eigentlich so gut wie gar nicht mehr und darum müssen wir einfach weitermachen. Wer einmal eines unserer Konzerte erlebt hat, weiß, daß wir es ernst meinen und daß bei uns echter Spaß im Publikum und auf der Bühne garantiert ist."
Marky weiß auch nach einer so langen und dadurch natürlich auch von einigen Rückschlägen gekennzeichneten Karriere (so gingen die Plattenverkäufe nach dem 1980er "End Of Century"-Album erschreckend zurück; diese Talfahrt wurde erst mit "Brain Drain" im Jahre 1990 beendet"), keinen Grund aufzuhören: "Wir sehen eigentlich keinen Grund, Schluß zu machen. Wir nehmen viele unserer Shows auf Video und Audio auf und schauen bzw. hören uns ab und zu die Tapes an, um sie mit alten Auftritten zu vergleichen, und bis jetzt haben wir immer noch jedesmal festgestellt, daß wir genauso gut sind wie z.B. 1978. Falls wir es eines Tages mal nicht mehr bringen, werden wir selbst also die ersten sein, die das merken, und dann wäre das Ende gekommen. Ich persönlich kann mir durchaus vorstellen, daß wir das hier noch locker bis ins Jahr 2000 durchziehen können, wenn die Leute uns noch sehen wollen."
Daß die Leute das noch wollen, bewies eindrucksvoll eine bis zum Bersten gefüllte Konzerthalle in Hamburg am gleichen Abend unseres Interviews. Überhaupt war Deutschland, neben England, immer die europäische Hochburg der Boys aus dem New Yorker Stadtteil Queens, dennoch wurde "Loco Live" in Spanien aufgenommen. "Es war eigentlich egal wo wir die Platte aufnehmen", berichtet Johnny, "Ramones-Gigs sind überall auf der Welt ähnlich. Wir entschlossen uns letztendlich für einen der Spanien-Auftritte, weil die Akustik der Halle stimmte und wir an jenem Abend die wenigsten Spielfehler ausmachen konnten, da wir keine Overdubs machen wollten. Lediglich Joey hat im nachhinein bei zwei Nummern, glaube ich, etwas nachgeholfen, was ich völlig in Ordnung finde, da, wenn das Mikro ausfällt, man ja sonst überhaupt keinen Gesang mehr gehört hätte."
Warum aber nach dem 1979 erschienenen "It's Alive" jetzt ein zweites Live-Album? Marky weiß, warum: "Wir wollten zeigen, wo wir stehen. Außerdem fragten uns die Fans nach den Shows immer öfter nach einem Nachfolger für "It's Alive".
Einige Stücke, die auf beiden Platten vertreten sind, werden auf "Loco Live" noch schneller gespielt als auf der alten Live-Platte. "Ja, das ist uns auch aufgefallen", freut sich der Gitarrist, der seit der Gründung der Band penetrant den gleichen, im Ansatz leicht lächerlichen Pilzkopf zur Schau trägt. "Vielleicht liegt's daran, daß unser neuer Bassist CJ aufgrund seiner Jugend die Songs schneller anzählt las DeeDee es damals gemacht hat."
Apropos DeeDee, man trennte sich damals keineswegs im Groll vom Basser: "Er war einfach müde zu touren und widmet sich seitdem lieber seinen Hobbies, seiner Frau und den Kindern", versichert Marky. "Wir haben immer noch ein klasse Verhältnis zu ihm, schließlich ist er ja unser Bruder, ha ha. Auf der nächsten Platte, die ungefähr im Frühsommer erscheinen soll, hat er drei der neuen Stücke mit uns geschrieben. Du siehst, wir sind eine große, glückliche Familie."
Da wird noch die Frage aufgeworfen, ob Mutter Ramone, die im Laufe ihrer Jahre immerhin sieben ihrer Söhne an die Band verlor, nicht öfter mal ihre Jungs dazu anhalten würde, endlich vernünftige Jobs anzunehmen und die zerschlissenen Jeans und Lederjacken mit einem hübschen Anzug zu tauschen. "Früher hat sie schon viel mit uns geschimpft", prustet Johnny los, "aber jetzt hat sie eingesehen, daß uns das musizieren viel Freude und auch ein bischen Geld einbringt. So beschränkt sie sich darauf, acht zu geben, daß wir unsere Freizeit sinnvoll gestalten."
Wie sieht denn die Freizeitgestaltung im Hause Ramone aus? "Wenn wir nicht proben, was eigentlich sowieso nie passiert, liebe ich es, an meinem Auto und ab und zu auch mal an meiner Freundin 'rumzuspielen. Letzteres aber nur, wenn Mama nicht in der Nähe ist - sie ist so eifersüchtig", gesteht Marky leicht errötend. Johnny dagegen verbringt seine Stunden daheim am liebsten vor dem Fernseher mit riesigen Portionen Pizza, und wehe, irgend jemand wagt es, während der siebzehnten Wiederholung eines seiner ca. 800 Lieblingsfilme anzurufen, "Dann werde ich fuchsteufelswild, es gibt nichts Schlimmeres." Marky kann das bestätigen: "Wenn man zur falschen Zeit, und das ist eigentlich fast durchgehend, bei ihm anruft, kann man schon die wohl heftigsten Schimpfworte Nordamerikas ernten."
Beim Thema Fernsehen kommt mir automatisch die glücklicherweise oft gebrachte Wiederholung des Kultfilms 'Rock'n'Roll High School' in die Sinne. Jedes Kind kennt in Deutschland den Film mit den vier Rabauken in der Hauptrolle, dennoch wird es wohl bei diesem einen Ausflug der Band ins Filmbusiness bleiben; Marky meint: "Der Film war damals großartig, aber wir werden so was wohl nicht nochmal machen. In Amerika ist der Streifen auch längst nicht so beliebt wie hier bei Euch, wo die Fans uns heute noch, zwölf Jahre nach Entstehung des Dings, darauf ansprechen."
Gitarrist Johnny Ramone ist im Gegensatz zu vielen Kollegen seiner Zunft kein Freund von Soli. Hat er niemals als Kind vor dem Spiegel gestanden und mit dem Tennisschläger im Anschlag Jimmy Page oder Hendrix gemimt, steckt nicht auch in ihm irgendwo tief drin ein frustrierter Yngwie? "Hah, überhaupt nicht", antwortet er bestimmt, "ich hasse es, wenn ich auf Konzerten anderer Bands die Egotrips der Gitarristen über mich ergehen lassen muß. Anstelle dieses sinnlosen Genudels spielen wir lieber drei, vier Songs mehr am Abend." Drei, vier Songs ist leicht untertrieben. Was ist die höchste Zahl an Songs, die die Band in ein Konzert gequetscht hat? "Das höchste dürfte wohl so bei 40 Nummern liegen, wobei wir nie länger als 70 Minuten spielen, weil uns die Roadies sonst vom Boden aufwischen könnten. Ich, als Drummer, würde eine längere Spielzeit nicht durchhalten, und unsere Fans wären wohl auch zu sehr verausgabt", glaubt Marky.
Zum Abschluß bat ich die beiden Jungs noch, die Ramones-Alben zu nennen, die ihnen persönlich am meisten am Herzen liegen, und die sie Leuten, die noch keine Scheiben der Band besitzen, als Einstieg empfehlen würden:
Marky: "'Road To Ruin', 'Pleasant Dreams', 'Loco Live'."
Johnny
: "'Leave Home', 'Rocket To Russia'."
Gabba, gabba, hey!!!

Olli